3. Die technische Schöpfungskraft des Menschen
Schon in der Antike träumten Menschen von künstlichem Leben: Hephaistos schmiedete bronzene Diener, Pygmalion liebte seine Statue, jüdische Mystik kannte den Golem, und der Traum des «Homunculus» begleitete die Alchemie.
Im 19. Jahrhundert erhielt dieser Traum ein modernes Gewand: Mary Shelleys «Frankenstein» (1818) warnt vor der Hybris, Leben zu erschaffen, ohne Verantwortung zu übernehmen. Viktor Frankenstein «erschafft» sein Wesen – und flieht vor ihm. Diese Geschichte ist die Urparabel aller KI-Ethik: Wer Leben imitiert, muss sich auch seiner moralischen Folgen stellen. Ohne Verantwortung wird Schöpfung zur Schuld.
Goethe ließ im Zauberlehrling (1797) denselben Irrtum spielen – ein Diener, der die Kräfte ruft, die er nicht mehr beherrscht: «Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los».
Beide Autoren warnen vor technischer Hybris. Heute lautet die Frage neu: Wird der Zaubermeister kommen, bevor die KI über uns herrscht?
Heute heißen diese Geschöpfe Roboter oder neuronale Netze. Der Wunsch, dem Schöpfer gleich zu sein, ist alt – nur die Materialien ändern sich. Doch je menschenähnlicher Maschinen werden, desto dringlicher bleibt dieselbe Frage: Wer trägt Verantwortung für das, was sie tun?
